Der katholische Glaube (Essen, 1978)

Vortrag von S. E. Erzbischof Marcel Lefebvre
am 9. April 1978 in Essen
(Der katholische Glaube)

Meine Damen und Herren!

Entschuldigen Sie bitte, daß ich diesen Vortrag nicht in Ihrer Sprache halten kann, da ich sie leider nicht beherrsche. Ich bin jedoch sicher, in P. Franz Schmidberger einen ausgezeichneten Übersetzer zu haben, der Ihnen erläutern wird, was ich Ihnen heute darlegen möchte. Der Redner, der mich Ihnen vorgestellt hat, deutete bereits in kurzen Worten das Thema dieses Vortrages an.
Gerade haben wir gemeinsam das heilige Meßopfer gefeiert. Ich glaube, das ist die beste Predigt, die wir heute halten konnten, besser als die Predigt, die ich jetzt halten werde. Die Feier des heiligen Meßopfers, das ist unsere Predigt. Im heiligen Meßopfer können wir das bekennen, was Sie gerade gesungen haben: „Christus, mein König.“ In der heiligen Messe bekennen wir, daß Christus unser König ist. Diese heilige Messe drückt auf eine genaue und großartige Weise das Königtum Unseres Herrn Jesus Christus aus. Deshalb sind wir überzeugt, daß die heilige Messe das Herz und die Zusammenfassung unseres Glaubens ist.
In der Zeitung konnten Sie den Brief lesen, den mir Ihr Bischof, der Bischof von Essen, den ich gut kenne und schätze, geschrieben hat. Da er mir öffentlich geschrieben hatte, habe ich ihm öffentlich geantwortet. Ich hätte mir gewünscht, daß er heute anwesend wäre. Wenn er an dieser Messe teilgenommen hätte, könnte er dann sagen, daß wir etwas Schlechtes getan haben? Hätte er sagen können, daß wir der Disziplin der Kirche gegenüber im Ungehorsam versammelt sind? Während dem größten Teil seines Lebens hat er das getan, was wir tun. Wir wiederholen dieses Meßopfer, das die Märtyrer und alle Heiligen immer gefeiert haben. Die Kinder haben gerade vorhin alle Heiligen Deutschlands angerufen. Sie haben diese Messe gefeiert und sich in dieser Messe geheiligt.
Kann gesagt werden, wir sind ungehorsam, wenn wir nach dem Beispiel unserer Väter beten? Sind wir ungehorsam, wenn wir beten, wie man es von uns während unseres Lebens verlangt hat? Es ist unmöglich, das zu sagen! Deshalb hege ich nicht die geringsten Bedenken, Ihrer Bitte zu folgen, und zu Ihnen über unseren katholischen Glauben zu sprechen.
Was wir wollen, läßt sich sehr einfach ausdrücken. Wir verlangen, den Glauben zu bewahren, den wir selbst bei unserer Taufe von der Kirche verlangt haben. Es war das erste Wort, das wir als Kind durch den Mund unserer Taufpaten und Taufpatinnen zur Kirche gesprochen haben, als der Priester uns fragte: „Was verlangst Du von der Kirche Gottes?“ Da wir damals noch nicht sprechen konnten antworteten unsere Taufpaten und Taufpatinnen: „Den Glauben.“ Der Priester fragte uns weiter: „Was bringt Dir der Glaube?“ Durch unsere Paten haben wir geantwortet: „Der Glaube bringt mir das ewige Leben.“ Das ist alles, was wir von der Kirche verlangen. Wir verlangen dies auch weiterhin von der Kirche, von den Priestern, den Ordensmännern und Ordensfrauen, von den Bischöfen und von unserem Heiligen Vater, dem Papst. Wir verlangen diesen Glauben von der ganzen Kirche. Gebt uns den katholischen Glauben, der das ewige Leben bringt. Das ist alles, was wir verlangen.
Ich werde nun auf einige Vorwürfe antworten, die gegen uns erhoben werden, obwohl wir nichts anderes wollen, als katholisch sein. Man beschuldigt uns vieler Vergehen. Wir haben diese Vergehen jedoch weder begangen, noch haben wir die geringste Absicht, sie zu begehen. „Sie sind dem Papst ungehorsam!“ Diesen Vorwurf hören wir oft. Wir sind nicht ungehorsam gegenüber dem Papst. Wir wollen gegenüber dem Heiligen Papst auch nicht ungehorsam sein. Wir sind davon überzeugt, daß der Papst von Unserem Herrn Jesus Christus eingesetzt worden ist, um für uns den katholischen Glauben zu bewahren. Das verlangen wir auch von unserem Heiligen Vater, dem Papst. Wir sind überzeugt, daß der Papst unfehlbar ist, wenn er als Oberhaupt der Kirche, wenn er ex cathedra spricht, und eine Glaubenswahrheit definieren will. Wir unterwerfen uns allem, was der Papst als Hirte der gesamten Kirche erklärt und von seiner Unfehlbarkeit Gebrauch macht. Man muß jedoch zugeben, daß seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil Worte und Taten folgten, die der Bewahrung unseres Glaubens zuwiderlaufen. Das ist eine unbestreitbare Tatsache. Sofern der Papst nicht von seiner Unfehlbarkeit Gebrauch macht, müssen wir uns ihm gegenüber nach den Regeln verhalten, die für uns alle, unseren Oberen gegenüber, als Gehorsam gelten. Eine allgemein gültige Regel. Pater Schmidberger wird Ihnen vorlesen, was Papst Pius XII. und besonders Papst Leo XII. über den Gehorsam sagen.
„Nur einen Grund haben die Menschen, nicht zu gehorchen, wenn etwas von Ihnen gefordert werden sollte, das dem natürlichen oder göttlichen Gesetz offenbar widerspricht. Denn nichts von all dem, durch was das Naturgesetz oder der Wille Gottes verletzt wird, ist zu gebieten oder zu tun erlaubt. Es besteht auch kein Grund, diejenigen, die so handeln, der Verweigerung des Gehorsams zu beschuldigen. Wenn der Wille der Machthaber Gottes Willen und Gesetzen widerspricht, dann überschreiten sie ihre Machbefugnis und verstoßen gegen die Gerechtigkeit. Dann wird die Autorität hinfällig, denn wo die Gerechtigkeit fehlt, da ist auch keine Autorität.“
„Wir wissen, wie drängend bei vielen Eures Volkes, Katholiken und Nichtkatholiken, die Sehnsucht nach Einheit im Glauben ist. Wer könnte diese Sehnsucht lebhafter empfinden, als der Stellvertreter Christi selbst. Die Kirche umfaßt die im Glauben Getrennten mit ungeheuchelter Liebe und mit der Inbrunst des Gebetes für ihre Rückkehr zur Mutter. Gott weiß, wie viele ihr ohne persönliche Schuld fernstehen. Wenn die Kirche unbeugsam gegenüber allem ist, was auch nur den Anschein eines Kompromisses, eines Ausgleiches des katholischen Glaubens mit anderen Bekenntnissen oder der Vermengung mit ihnen erweckt, so deshalb, weil sie weiß, daß es nur einen unfehlbar sicheren Hort der ganzen Wahrheit und der Fülle der Gnade, die uns durch Christus geworden, immer gegeben hat und immer geben wird, und daß dieser Hort nach dem ausdrücklichen Willen ihres göttlichen Stifters schlechthin sie selbst ist.”
Besonders die Worte von Papst Leo XIII. haben alle Theologen und alle Päpste immer gelehrt. Es gibt Gesetze für den Gehorsam. Man gehorcht der Autorität nicht blind, sondern nur auf eine vernünftige Weise. Wenn die Träger der Autorität ihre Gewalt dazu benutzen, Dinge zu tun, die ihrem Zweck und dem Ziel, für welches sie diese Autorität erhalten haben, widersprechen, dann verlieren sie dadurch das Recht auf Gehorsam. Wir vertreten nichts anderes als den Standpunkt der Moraltheologie, unserem einfachen Katechismus gegenüber der Autorität, sogar gegenüber der Autorität des Papstes. Selbst der hl. Paulus ist gegen den hl. Petrus aufgetreten. Der hl. Paulus sagte zum hl. Petrus, als dieser bereits der erste Papst war und den Heiligen Geist empfangen hatte: „Du gehst nicht nach der Wahrheit des Evangeliums vor!“ Der hl. Paulus sagte diese Worte öffentlich zum hl. Petrus. Der hl. Paulus ging diesen ernsten Schritt, dem hl. Petrus zu sagen, daß er nicht nach der Wahrheit des Evangeliums vorgeht. Ich glaube, auch wir befinden uns heute in einer Situation, die für unseren Glauben schwerwiegend sind. Unter diesen bestimmten Umständen haben wir das Recht, dem Heiligen Vater zu sagen: „Die Geschehnisse in der Kirche und die erlassenen Richtlinien stimmen nicht mit der Wahrheit des Evangeliums überein.“ Sie werden sagen: „Ist es möglich, daß seit dem Konzil von Rom Richtlinien erlassen und vielleicht Lehren vorgetragen werden, die der katholischen Lehre zuwiderlaufen?“ Wir sind dazu verpflichtet, darauf hinzuweisen, daß es tatsächlich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und in gewissen Dekreten des Zweiten Vatikanischen Konzils Texte gibt, die zweideutig und doppelsinnig sind. Es handelt sich dabei zum Beispiel um manche Texte über die religiöse Freiheit, über nicht christliche Religionen und über Texte in Gaudium et spes, die Kirche in der Welt. Diese drei Texte müßte man vollständig überarbeiten, damit sie der wahren Lehre vollkommen entsprechen. Was war das Leitmotiv des Konzils? Was hat die Texte des Konzils inspiriert? Es war ein ökumenischer Geist. Der schwere Fehler des Zweiten Vatikanischen Konzils war sein liberaler Ökumenismus, der die Spiritualität der Kirche völlig verändert. Die Kirche kann nicht in dem Sinn ökumenisch sein, wie man dieses Wort heute versteht, und zwar als ökumenistisch. Sie kann nicht in diesem liberalen Sinn ökumenisch sein, der alle Irrtümer sowie das Laster und ebenso die Tugend annimmt. Es wird der Eindruck erweckt, daß alle Religionen gleich sind und den gleichen Wert haben. Die gleichen Wertvorstellungen finden wir bei allen Theologien und Ideologien. Ideen von jemandem, der sich im Irrtum befindet, erhalten genauso viel Achtung, wie die Ideen von dem, der in der Wahrheit ist. Vor einer Person, die sich schändlich und skandalös benimmt, hat man die gleiche Achtung wie vor einer Person, die sich ehrenhaft und tugendhaft benimmt. In diesem Ökumenismus liegt etwas, das dem überlieferten Begriff der Kirche von Grund auf zuwiderläuft.
Was war das Merkmal der katholischen Kirche, seit Unser Herr Jesus Christus selbst sie gegründet hat? Mit welchen Worten wurde das Apostolat der Kirche gegründet? „Euntes, docete omnes gentes!“ – Gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Das hat Unser Herr Jesus Christus selbst gesagt. Er sagte nicht, daß alle Religionen den gleichen Wert haben und wir keine Missionäre mehr benötigen. Die Kirche ist nicht ökumenistisch. Die Kirche ist missionarisch. Das ist überhaupt nicht dasselbe. Die Kirche zieht aus und spricht den Menschen an. Es wird zu uns gesagt: „Sie sind gegen den Dialog!“ Wir sind nicht gegen den Dialog. Ich selbst war dreißig Jahre lang in Afrika als Missionär tätig. Ich mußte sehr wohl mit Heiden sprechen. Wir sind für den Dialog, der die Seelen zu Unserem Herrn Jesus Christus bekehrt. Wir sind allerdings gegen einen Dialog, der den Irrtum ebenso wie die Wahrheit, und die Tugend ebenso wie das Laster anerkennt.
Sie werden bemerken, daß alle seit dem Konzil durchgeführten Reformen und alle falschen Richtlinien von diesem Geist geprägt sind. Man versucht nicht mehr, die Menschen zu bekehren. Der Dialog wird in der Verbrüderung, in der Verallgemeinerung der Kirche und in der Vereinigung aller Religionen gesucht. Man sucht jedoch nicht mehr die Einheit im Glauben. Wenn wir wirklich Katholiken sind, müssen wir glauben, daß es auf Erden nur eine einzige wahre Religion gibt, und zwar die Religion, die von Gott selbst geoffenbart ist. Gott selbst, das ist Unser Herr Jesus Christus. Unser Herr Jesus Christus ist Gott. Darum ist Er auf die Erde gekommen, um unsere Religion zu lehren. Er wollte uns zeigen, welche unsere Religion sein muß. Er selbst hat das getan. Wir haben nicht das Recht, diese Religion zu ändern. Wir haben nicht das Recht zu sagen, daß alle Religionen den gleichen Wert haben. Sonst verfehlen wir uns gegen die Liebe. Es ist unsere Aufgabe, die Seelen für die wahre Religion zu gewinnen. Die Liebe selbst drängt uns zu den Menschen, die nicht katholisch sind, um ihnen zu sagen: „Kommt! Habt Anteil an unserer heiligen Messe, an unsere Taufe und am Leib und am Blut Unseres Herrn Jesus Christus!“ Diese Worte müssen die Christen, die Katholiken, sagen. Die Kirche hat uns dies immer gelehrt. Niemals hat die Kirche gesagt, die katholische Religion wäre eine Religion wie jede andere.
Vielleicht sind in dieser Versammlung auch Protestanten anwesend. Wir lieben die Protestanten von ganzem Herzen, sowohl die heute hier anwesenden, als auch überhaupt alle Protestanten. Wenn man jemanden wirklich liebt, dann versucht man, den Schatz, den man besitzt, mit ihm zu teilen. Man versucht, ihn an dem Schatz, den man besitzt, teilhaben zu lassen. Niemals würde man versuchen ihn zu täuschen, indem man zu ihm sagt, er hätte den gleichen Schatz, obwohl er ihn gar nicht besitzt. Wir sagen zu den Protestanten: „Wenn Ihr in Eurem Leben glücklich sein, das ewige Leben erlangen und unsere Freude teilen wollt, unser Glück, katholisch zu sein, dann kommt und lernt unseren Glauben kennen. Ihr werdet sehen, ihr werdet das große Glück finden, das Ihr auf Erden haben sollt und das Euch im Himmel zuteil werden wird.“ Das ist wahre Liebe. Wir würden lügen, wenn wir zu den Protestanten sagen würden: „Eure Religion hat den gleichen Wert wie unsere.“ Warum haben alle diese Apostel Deutschlands ihr Land bereist, um die Protestanten zum Katholizismus zu bekehren? Warum haben alle Märtyrer bei ihren Bemühungen, die Protestanten zum katholischen Glauben zu bekehren, ihr Blut vergossen? Sie hatten die wahre Liebe Unseres Herrn Jesus Christus. Diese Liebe bestand nicht darin, die Protestanten zu täuschen und ihnen zu sagen, sie können ihre Rettung in ihrer Religion ebensogut finden, wie in der katholischen Religion.
Was sehen wir heute? Studieren wir die Liturgiereform von heute, dann können wir eindeutig feststellen, daß sie aus einer Verbindung zwischen einer katholischen und einer protestantischen Liturgie besteht. Der beste Beweis dafür ist die Tatsache, daß sich sechs protestantische Pastoren in Rom befanden, um an der Liturgiereform mitzuarbeiten. Folglich wollte man diesen Kompromiß schließen, den Papst Pius XII. verurteilt hatte. Dieser Kompromiß wurde zwischen Protestanten und Katholiken geschlossen, um diese Liturgiereform zustandezubringen, von der man nicht sagen kann, ob sie eher katholisch oder protestantisch ist. Die Liturgie hat einen doppeldeutigen Charakter erhalten. Alles, was seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil von der Liturgiereform vorgeschrieben wurde, ob Sakramente oder Begräbnisliturgien, ist halb protestantisch und halb katholisch. Inzwischen ist unser katholischer Glaube von dieser doppelzüngigen und betrügerischen Liturgie gewissermaßen vergiftet. Das ist auch der Grund, warum die wirklichen Katholiken inzwischen einen Abscheu vor dieser Liturgie verspüren, die sich in Konzelebrationen, Interkommunionen oder in gemeinsam gefeierten Liturgien katholischer und protestantischer Priester äußert.
Ich werde Ihnen ein kleines Beispiel nennen. Wenn ich mich nicht irre, war es 1974, als ich den Eucharistischen Kongreß in Melbourne, Australien, besuchte. Eines Tages erhielt ich vom Sekretariat des Eucharistischen Kongresses einen Anruf. Ich wurde gebeten, mit einem Rabbiner und einem protestantischen Pastor zu konzelebrieren. Dieses kleine Beispiel zeigt, wohin wir gesteuert sind. Dies geschah auf einem katholischen eucharistischen Kongreß! Ich lehnte natürlich ab. Mit diesem kleinen Beispiel möchte ich Ihnen vor Augen führen, wohin unsere heilige Religion mit diesen Kompromissen zwischen Katholizismus und Protestantismus geraten kann. Diese Tatsache weisen wir zurück. Wir nehmen es nicht hin, daß unsere Liturgie mit der protestantischen Liturgie und unser Glaube mit dem Glauben der Protestanten vermischt werden.
Sie haben sicher auch bemerkt, daß gerade dieser Geist in gleicher Weise das ganze Lehramt der Kirche verändert hat, begonnen an den katholischen Universitäten bis zu den katholischen Schulen, dem Katechismus, der Theologie und den Theologenkongressen. Man weiß nicht mehr, was wahrhaft katholisch und was nicht mehr katholisch ist. Wir befinden uns nicht mehr in der Orthodoxie. Die heute auf der ganzen Welt verbreiteten Katechismen wurden nach dem Muster des Holländischen Katechismus verfaßt, obwohl dieser von vier Kardinälen mit Billigung des Papstes verworfen wurde. Darum kümmerte man sich nicht. Man hat es zugelassen, daß dieser Katechismus überall verbreitet wird und die Grundlage für fast alle Katechismen bildet, die es auf der ganzen Welt gibt. Mit ist bekannt, daß die Konferenz von Fulda in Deutschland einen kleinen Katechismus wieder neu aufgelegt hat, der sich, Gott sei Dank, größtenteils von diesem Holländischen Katechismus auf eine positive Weise distanziert. Es ist jedoch unbestritten, daß die anderen Katechismen in Deutschland weiterhin im Umlauf sind. Daher wird auch der Glaube der Kinder in seiner Wurzel verdorben. Ebenso wurden alle Gebete, sogar das Vaterunser, auf protestantische Weise verändert. Es ist wirklich bestürzend, wenn man sehen muß, wie dieser wahrhaft liberale Ökumenismus alle Reformen durchdrungen hat, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil ausgehen. Es ist nicht ausreichend, den Katechismus zu reformieren, wenn der Unterricht der Theologen in den Seminaren und auf den katholischen Universitäten eine Lehre vermittelt, die nicht mehr die reine Lehre ist. Auf den Universitäten werden nicht mehr die wahre Philosophie und der wahre Glaube gelehrt. Selbst in der größten und schönsten Universität der katholischen Welt, der Gregorianischen Universität in Rom, aus der im allgemeinen ein Drittel des Weltepiskopats hervorgeht, wird nicht mehr der wahre Glaube gelehrt. Auf der Gregorianischen Universität werden Vorlesungen von Pastoren und Rabbinern gehalten. Ihre Theologie enthält außerdem Themen, die man die Theologie der Befreiung nennt – Freudianismus, wie alle diese neuen philosophischen Wissenschaften nennen. Auf den Universitäten sind diese Wissenschaften viel mehr verbreitet und werden viel mehr studiert, als die wahre katholische Lehre. Das findet man überall. Sie haben sicher von der Theologenkonferenz gehört, die, wenn ich mich richtig erinnere, in der Diözese Rottenburg stattgefunden hat. Dort hatten sich 180 Theologen versammelt und erklärten, daß sie von nun an den Standpunkt vertreten, es würde für sie keinen Unterschied mehr zwischen einem Priester und einem Pastor geben. Was haben die deutschen Bischöfe darauf geantwortet? Hat ein öffentlicher Protest der Bischöfe Deutschlands gegen diese Gruppe stattgefunden? Wurden diese Priester und Theologen suspendiert? Wurden kanonische Strafen verhängt? Nichts dergleichen! Nichts! Dasselbe wiederholte sich in Detroit in den Vereinigten Staaten. Auch dort hatte unter dem Vorsitz des Nuntius, des apostolischen Delegierten in den Vereinigten Staaten, eine Versammlung stattgefunden, die auf sich auf dieselbe Weise mit den protestantischen Pastoren und Angehörigen aller Religionen derart verbrüderte, daß es für die Katholiken der Vereinigten Staaten einen öffentlichen Skandal darstellte. Die Bischöfe haben dazu nichts gesagt und nichts dagegen unternommen. Diese Vorfälle sind wirklich schmerzlich und gefährlich. Wir haben nicht das Recht zu diesem Krebsgeschwür des Ökumenismus zu schweigen, der sich überall in unserer heiligen Religion ausbreitet. Wir müssen Protest erheben und dem entgegenwirken! Es ist unsere Pflicht, der Benutzung unserer eigenen Kirchen durch Mohammedaner, Buddhisten, Pfingstlern und allen, die nicht katholisch sind, entgegentreten. Uns Katholiken werden die Kirchen verweigert, den Buddhisten, Mohammedanern oder Pfingstlern hingegen wird der eintritt erlaubt.
Eine andere Folge des liberalen Ökumenismus sind die Beziehungen zu allen möglichen Ideologien. Die Kirche hat es immer für richtig erachtet, daß der Irrtum bekämpft werden muß, sowohl in uns selbst, in unserem Verstand und Geist, als auch in der Welt. Man darf nicht zulassen, daß sich der Irrtum verbreitet. Wir müssen unser Möglichstes tun, um gegen den Irrtum zu kämpfen. Daher müssen wir auch gegen die falschen Ideologien kämpfen. Zur Zeit scheint es, daß selbst der Heilige Stuhl eine Politik der Verbrüderung betreibt. Es bestehen Verbindungen mit freimaurerischen, kommunistischen und allen möglichen sozialistischen Ideologien, die von Grund auf gegen unsere heilige Religion und gegen die katholische Kirche gerichtet sind. Die katholische Kirche hat diese Ideologien immer bekämpft. Nun hat es den Anschein, daß uns sogar vorgeschrieben wird, sich mit diesen Ideen zu verbrüdern und die Prinzipien, die sie beherrschen, zum großen Teil anzunehmen. Es ist eine Tatsache, daß der Klerus und die Bischöfe in vielen Ländern für den Marxismus und für den Kommunismus eingetreten sind. Das ist überaus bedenklich. Seit dem Konzil bewirkt diese Art der Verbrüderung mit den falschen Ideologien, wenn wir auf diese Weise fortfahren, die völlige Auslieferung an den Kommunismus. Diese Situation müssen wir überdenken. Was können wir unternehmen, um diesem Umsichgreifen des Ökumenismus in den katholischen Kreisen entgegenzutreten, die darauf einwirken, daß uns alle Waffen aus der Hand genommen werden. Wir können nicht mehr kämpfen. Man nimmt uns unseren Glauben, unser heiliges Meßopfer und unsere Sakramente. Es scheint so, als ob wir Soldaten ohne Waffen geworden sind. Die Kirche verlangt von uns den Kampf gegen den Irrtum, das Laster und die Sünde. Das Symbol dieses Kampfes ist das Kreuz Unseres Herrn Jesus Christus. Das Kreuz Unseres Herrn Jesus Christus stellt die große Waffe dar, die wir zur Verfügung haben. Er zeigt uns durch dieses Kreuz den Kampf, den wir zu führen haben. Das Kruzifix ist die große Lehre und das große Buch der Christen. Unser Herr Jesus Christus hat durch Seinen Tod am Kreuz den Sieg gegen die Sünde, gegen die Welt und gegen den Tod errungen. Durch das Kreuz hat Unser Herr Jesus Christus Seinen Kampf gewonnen. Dieser Kampf endete mit einem außerordentlichen Sieg – Seiner Auferstehung. Unser Herr hat also Seinen Sieg durch das Kreuz errungen. Wir müssen diesen Kampf weiterführen und mit geistigen Waffen kämpfen, durch das Kreuz, das Leiden und die Prüfungen. Wir müssen die Prüfungen ertragen, wie Unser Herr Jesus Christus. Unser Leben müssen wir für das geben, was wir lieben. Geben wir unser Leben zur Sühne für unsere Sünden und zur Sühne für die Sünden der Welt. Schmerzen und Leid müssen wir zu ertragen wissen. Vereint mit den Heiligen, den Märtyrern und allen Ordensgründern müssen wir das fortsetzen, was die Kirche immer vollbracht hat.
Warum gibt es keine Priester und keine Ordensmänner oder Ordensfrauen mehr? Weil man das Kreuz von sich geworfen hat. Man will nicht mehr auf das Kreuz schauen, weil das Meßopfer heute zu einer Eucharistiefeier geworden ist. Es handelt sich nur noch um ein Mahl, nicht mehr um ein Opfer. Es stellt nicht mehr das Kreuzesopfer dar. Wir Katholiken brauchen das Kreuz und das Opfer, ansonsten sind wir nicht mehr katholisch. Wir müssen mit den Waffen kämpfen, die uns Unser Herr Jesus Christus gegeben hat.
Das Konzil hätte sich bemühen müssen, den Kampf, den wir führen, zu fördern. Man könnte es mit einem Ärztekongreß vergleichen. Stellen Sie sich einen Kongreß mit 2.500 Ärzten vor, die erklären: „Die Krankheiten, die wir bekämpften, gibt es nun bereits seit Jahrhunderten. Immer gegen die Krankheiten zu kämpfen, um die Gesundheit zu erhalten, ist wirklich unmöglich. Wir können auf eine solche Weise nicht mehr weiterkommen. Wir müssen versuchen, den Menschen einzureden, daß die Krankheit die Gesundheit ist. Damit wäre alles geklärt. Man bräuchte keine Ärzte und auch keine Medizin mehr. Es wäre nicht mehr notwendig, Krankheiten zu bekämpfen, wenn die Krankheit die Gesundheit wäre.“ Mit diesem Ergebnis löst sich der Kongreß wieder auf. Man schließt Spitäler und medizinische Fakultäten. Es gibt keine Ärzte und keine Krankheiten mehr. Es gibt nichts mehr. Alles stirbt dahin. Diese Vorgehensweise hat man auf dem Konzil vorgefunden.
Das Konzil hatte erklärt: „Immer nur gegen Irrtümer, Sünde und Laster kämpfen – man muß endlich Frieden schließen, Frieden um jeden Preis! Schließen wir Frieden. Der Friede ist der Ökumenismus und die Verbrüderung.“ Man nimmt die Orthodoxen, Mohammedaner, jegliche Religionen und alle Irrtümer an. Wir sind im Begriff zu sterben. Die Kirche ist tatsächlich im Begriff zu sterben. Wir hingegen sagen: „Nein! Wir kämpfen weiter. Wir führen den Kampf weiter, den Unser Herr begonnen hat.“
Welches erste göttliche Wort hat Unser Herr über Seine Sendung gesagt? Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deiner Nachkommenschaft und ihrer Nachkommenschaft – Inimicitias ponam inter te et mulierem et semen tuum et semen illius (Gen 3, 15). Diese Worte bedeuten eine radikale Feindschaft zwischen den Nachkommen der allerseligsten Jungfrau Maria und den Nachkommen Satans. Diese Feindschaft besteht noch immer. Jeden Tag können wir diese Feindschaft zwischen den Kinder der allerseligsten Jungfrau Maria und den Kindern des Teufels sehen. Sie jedoch wollen mit ihnen paktieren und sagen: „Schluß! Es gibt keine Feindschaft mehr. Das ist beendet.“ Das ist ein Trugschluß. Diese Feindschaft wird bis ans Ende der Zeiten andauern. Unser Herr selbst hat das gesagt: „Wenn euch die Welt haßt, so wisset, daß sie Mich vor euch gehaßt hat.“ „Haben sie mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen.“ (Joh 15, 18, 20). Die Menschen können also nicht glauben. Wir leben im zwanzigsten Jahrhundert und wandeln auf dem Mond. Heute gibt es für sie keinen Kampf, keine Feindschaft und keine Feinde mehr. Wir wollen den guten Kampf des Kreuzes für den Glauben fortsetzen. Wir sind fest entschlossen, diesen Kampf fortzusetzen, was auch über uns kommen mag.
Entschuldigen Sie, wenn mein Vortrag etwas zu lange ausfällt. Ich werde diese Rede gleich beschließen. Vorher werde ich jedoch noch ein paar Worte über Ihre besondere Lage im industriellen Ruhrgebiet sagen. Man sagt auch über uns, daß wir Menschen der Rechten oder Reaktionäre sind, die sich nicht für die soziale Gerechtigkeit einsetzen. Wäre das nicht der Fall, dann wären wir nicht katholisch. Wir glauben, daß man im Begriff ist, falsche Wege einzuschlagen, um die soziale Gerechtigkeit zu erreichen. Unser Herr hat nicht von uns verlangt, die Menschen gegeneinander aufzuhetzen. Er hat auch nicht verlangt, daß man nur von den Rechten der Menschen spricht, ohne über seine Pflichten zu sprechen. Im Gegenteil, wir glauben, gerade wenn wir die Prinzipien unseres Glaubens anwenden wollen, die uns Unser Herr am Kreuz lehrt, dann müssen wir auf den Prinzipien der Nächstenliebe, Loslösung von den Gütern dieser Welt und der Gerechtigkeit bestehen. Diese Grundsätze finden ihre Grundlage in den Zehn Geboten Gottes. Darauf müssen wir bestehen. Die Rechte der Menschen können nur in dem Rahmen angewendet werden, als man die Zehn Gebote beachtet. Werden die Zehn Gebote nicht beachtet, wird es auch nicht gelingen, die Menschenrechte zu verwirklichen. Der Mensch wird zum Feind seines Nächsten. Er wird immer versuchen, diesem zu nehmen, was er hat. Wir hingegen predigen den Dekalog und das Gesetz Unseres Herrn Jesus Christus. Dann werden die Menschen auch in ihrem Herzen tatsächlich den Weg zur Verwirklichung der sozialen Gerechtigkeit finden. Das hat die Kirche immer gelehrt und stellt die einzige mögliche Lösung dar. Alles andere verbreitet nur den Geist der Revolution und des Krieges. Unser Herr will uns das nicht lehren. Das stellt auch nicht den Weg des Friedens und des Glücks dar.
Vorhin hatte ich sie aufgefordert, zu beten und Ihre Leiden und Opfer Unserem Herrn darzubringen, damit die katholische Kirche fortbesteht. Sie sind die katholische Kirche. Sie setzen die katholische Kirche fort. Damit dürfen Sie nie aufhören. Bitten Sie Ihre Bischöfe und Priester, Sie im katholischen Glauben zu erhalten, indem sie diesen falschen Ökumenismus abschaffen und missionarisch bleiben. Die Priester und Bischöfe sollen richtige Missionäre sein. Durch ihre Vorgänger und alle Priester in Deutschland wurde das Missionswerk auf eine ganz außergewöhnliche Weise verwirklicht. Deutschland hat durch seine Gebete und durch seine Ordensmänner und Ordensfrauen mit außergewöhnlicher Großzügigkeit missioniert. Missionäre aus der ganzen Welt kamen nach Deutschland, um Hilfe für ihre Missionswerke zu erbitten. Deutschland hat eine unglaubliche Großzügigkeit bewiesen, mehr als jedes andere Land der Welt. Dieses Missionswerk muß weitergeführt werden, nicht das Werk der Weltrevolution, für das heute sogar das Geld der Katholiken verwendet werden soll. Das Missionswerk muß weitergeführt werden. Wir sind überzeugt, daß uns das gelingen wird. Wir müssen auf Gott und auf die allerseligste Jungfrau Maria vertrauen. Beten wir zur allerseligsten Jungfrau Maria. Das beste Mittel zum Gebet ist der Familienrosenkranz. Beweisen wir ihr, daß wir eine sehr große Marienfrömmigkeit haben.
Was uns betrifft, so können wir nur das tun, was in unserer Macht steht. Darum haben wir Seminaristen. Sie konnten vorhin einige von ihnen sehen. Aus diesen Seminaristen versuchen wir wahre Priester zu machen, wie Sie Priester wünschen und wollen. Ich hoffe, sie werden heiligmäßige Priester sein, für die das Priestertum nichts anderes ist, als den Altar emporzusteigen, das heilige Meßopfer zu feiern, vom Altar wieder herunterzusteigen und Ihnen Jesus Christus selbst zu bringen, in Seinem Fleisch und in Seinem Blut. Das verlangen Sie von einem Priester. Sie verlangen nicht nur irgendein Brot oder irgendeine Eucharistie. Sie verlangen den wirklichen Leib und das wirkliche Blut Unseres Herrn Jesus Christus. Das verlangen Sie von ihm. Solche Priester wollen wir heranbilden. Die heute anwesenden Seminaristen sind übrigens fast alle aus Deutschland oder aus der deutschsprachigen Schweiz. Wir hoffen, daß unsere jungen Seminaristen eines Tages in der Lage sein werden, das Werk fortzusetzen, das die guten und heiligmäßigen Priester, die früher ihre Pfarren betreuten, zustande gebracht haben. Vor allem hoffen wir, daß sie sich nichts anderes wünschen. Wir wollen nichts anderes. Vertrauen wir darauf, daß eines Tages alle Schwierigkeiten überwunden sein werden. Darum arbeiten wir daran, Seminaristen auszubilden. In unserem Seminar in Ecône leben zur Zeit ungefähr einhundert Seminaristen aus zwölf Nationen. Ein weiteres Seminar ist in den Vereinigten Staaten entstanden, das ebenfalls einen großen Zulauf aufweisen kann. Wenn Gott es will, wird vielleicht bald in Deutschland ein deutschsprachiges Seminar entstehen. Dann können Sie diese Seminaristen besuchen, mit ihnen beten und sie ermutigen, gute und heiligmäßige Priester zu werden. Dieses Werk versuchen wir zu vollbringen. Wir sind davon überzeugt, daß der Papst, die Bischöfe und die Mehrzahl der Priester im Grunde ihres Herzens, leider nicht mit ihren Lippen, ganz unserer Meinung sind. Sie sind katholisch, wie auch wir selbst katholisch sind. Sie können die katholische Kirche nicht verlassen.
 
 
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