Vortrag des Distriktoberen

Von September 2008 bis Oktober 2009 hielt Pater Franz Schmidberger in verschiedenen Kapellen in Deutschland den Vortrag: Wo stehen wir? Eine Standortbestimmung. Diesen Vortrag können Sie hier nachlesen.

(Bild: Pater Schmidberger während des Vortrages in Göffingen)

Wo stehen wir?

Vortrag
gehalten in verschiedenen Kapellen von September 2008 bis Oktober 2009


I. Vorgeschichte

Jede Standortbestimmung der Gegenwart schöpft aus der Vergangenheit. Wenn wir deshalb die Gegenwart analysieren und einen Blick auf die Zukunft werfen wollen, dann müssen wir nicht nur auf die letzten Jahre, sondern gar auf die letzten Jahrzehnte zurückschauen.


1. Die nachkonziliare Zeit

Schon im II. Vatikanischen Konzil (1962-1965) gab es zwei grundsätzlich verschiedene Geistesrichtungen, die sich zum Teil heftig befehdeten. Die eine ist bekannt unter dem Namen der „Rheinischen Allianz“ und umfasste im Wesentlichen die Bischöfe und Bischofskonferenzen der am Rhein liegenden Länder. Dazu zählten in besonderer Weise die Kardinäle Frings aus Köln zu Beginn des Konzils, später Döpfner aus München, König aus Österreich, Alfrink aus den Niederlanden, Suenens aus Belgien, Lienart aus Frankreich und Lercaro aus Italien. Als Konzilsberater taten sich bei diesen in besonderer Weise die Theologen Küng, Ratzinger und Rahner hervor; Letzterer war Konzilsberater von Kardinal König und insbesondere auch der deutschen Bischofskonferenz. Diesen Konzilsvätern ging es – bewusst oder unbewusst – um eine neue Kirche.

Ihnen stand gegenüber der „Coetus Internationalis Patrum“, eine Vereinigung von konservativen Konzilsvätern, zu der insbesondere Erzbischof Lefebvre und Bischof de Castro Mayer gehörten. Ihnen ging es um eine im Heiligen Geist erneuerte Kirche. Das ist nun freilich nicht dasselbe. Aufgrund der Begünstigung der ersten Gruppe durch die beiden Konzilspäpste Johannes XXIII. und Paul VI. siegte schließlich auf dem Konzil der liberale Flügel. Die Folge davon war ein unbeschreiblicher Niedergang nach dem Konzil auf allen Gebieten des kirchlichen Lebens, der Liturgie, der Glaubensverkündigung, der wissenschaftlichen Ausbildung in Philosophie und Theologie, der Disziplin bei Volk und Klerus und insbesondere bei den Orden. In seiner epochalen Erklärung vom 21. November 1974 stellte Erzbischof Lefebvre diesen Zusammenbruch des kirchlichen Lebens in aller Schärfe heraus:

Wir hängen mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele am katholischen Rom, der Hüterin des katholischen Glaubens und der für die Erhaltung dieses Glaubens notwendigen Traditionen, am Ewigen Rom, der Lehrerin der Weisheit und Wahrheit.
Wir lehnen es hingegen ab, und haben es immer abgelehnt, dem Rom der neo-modernistischen und neo-protestantischen Tendenz zu folgen, die klar im Zweiten Vatikanischen Konzil und nach dem Konzil in allen Reformen, die daraus hervorgingen, zum Durchbruch kam. Alle diese Reformen haben in der Tat dazu beigetragen und wirken weiter an der Zerstörung der Kirche, dem Ruin des Priestertums, an der Vernichtung des heiligen Messopfers und der Sakramente, am Erlöschen des religiösen Lebens, am naturalistischen und teilhardistischen Unterricht an den Universitäten und Priesterseminaren und in der Katechese, einem Unterricht, der aus dem Liberalismus und dem Protestantismus hervorgegangen ist und schon etliche Male vom Lehramt der Kirche feierlich verurteilt worden ist.
Keine Autorität, selbst nicht die höchste in der Hierarchie, kann uns zwingen, unseren Glauben, so wie er vom Lehramt der Kirche seit neunzehn Jahrhunderten klar formuliert und verkündet wurde, aufzugeben oder zu schmälern.

Bei der Priesterweihe am 29. Juni 1976 in Ecône sagte er dann, der Streit zwischen Rom und Ecône drehe sich um die Messe:

Als Beweis dafür kann ich auch anführen: Sechsmal innerhalb der letzten drei Wochen, gezählte sechsmal, hat man von mir verlangt, normale Beziehungen mit Rom herzustellen und als Unterpfand dafür den neuen Ritus zu akzeptieren und selbst nach ihm zu zelebrieren. Man ist sogar so weit gegangen, mir jemanden zu schicken, der mit mir im neuen Ritus konzelebrieren sollte, damit ich auf diese Weise bekunde, dass ich die neue Liturgie doch akzeptiere. Dann würde zwischen mir und Rom alles wieder in Ordnung sein. Man hat mir ein neues Messbuch in die Hand gedrückt und gesagt: „Diese Messe hier müssen Sie feiern; Sie werden sie von nun an in allen Ihren Häusern lesen.“ Ebenso sagte man mir, dass dann, wenn ich am heutigen Tag, an diesem 29. Juni, vor allen hier Versammelten eine Messe nach dem neuen Ritus feiere, alle Schwierigkeiten zwischen uns und Rom beseitigt sein würden. Es ist also ganz klar und offenkundig, dass das ganze Drama zwischen Rom und Ecône das Problem der Messe zum Thema hat.

Besteht zwischen diesen beiden Erklärungen nicht ein kleiner Widerspruch? 1974 behauptet der Erz-bischof, das ganze kirchliche Leben sei durch die Reformen verdorben worden, es handle sich bei seinen Differenzen mit Rom vor allem um eine Frage des Glaubens; 1976, anderthalb Jahre später, spricht er anscheinend nur noch von der heiligen Messe. Dieser Scheinwiderspruch löst sich sofort auf, wenn man bedenkt, daß die heilige Messe das Zentrum des kirchlichen Lebens wie ihre Sonne und ihr Herzstück ist und dass folglich Glaube und heilige Messe untrennbar miteinander verbunden sind: Lex orandi lex credendi, sagt das alte Sprichwort; das Gesetz des Betens ist das Gesetz des Glaubens. Wer die heilige Messe in ihrer Substanz verändert, der verändert auch das katholische Dogma. Genau deshalb hat Erzbischof Lefebvre zeit seines Lebens den Novus Ordo Missae abgelehnt, weil er Ausdruck eines neuen Glaubens, einer neuen Konzeption der Kirche ist.


2. Die Audienz vom 18. November 1978

Am 6. August 1978 verstarb Papst Paul VI. Nach einem nur 33 Tage langen Pontifikat Johannes Pauls I. bestieg schließlich der polnische Kardinal Wojtyła am 16. Oktober 1978 den Stuhl Petri. Schon einen Monat später, am 18. November, empfing er Erzbischof Lefebvre zu einer Privataudienz:

„Zwischen uns gibt es drei Probleme: Man sagt, Sie seien gegen den Papst.“
Erzbischof Lefebvre antwortete, dass er keineswegs gegen den Papst sei, vielmehr mit ganzer Kraft am päpstlichen Unfehlbarkeitsdogma und auch am päpstlichen Jurisdiktionsprimat festhalte, den Papst anerkenne und für den Papst bete.
Johannes Paul II. war mit dieser Erklärung zufrieden. „Sodann sagt man, Sie seien gegen das Konzil.“
Erzbischof Lefebvre antwortete, er anerkenne das Konzil, interpretiert im Lichte der Tradition und nahm damit ein Wort des neuen Papstes selbst auf, nämlich, das Konzil müsse im Lichte der Tradition gelesen werden.
Auch damit war der Papst zufrieden.

Indes verstanden Papst und Erzbischof dieses Wort wohl in sehr verschiedenem Sinn. Der Papst wollte das Konzil in die bisherige Lehre integriert wissen; Erzbischof Lefebvre sah die bisherigen Lehrverlautbarungen der Konzilien und der Päpste als Maßstab, als Kriterium für das II. Vatikanum an. Für ihn war die beständige Lehre der Kirche wie ein Sieb: Was durch dieses hindurchgeht, kann bestehenbleiben; was in diesem hängenbleibt, muss entweder eindeutig gemacht oder sogar eliminiert werden. Aber – so wird man sagen – ein ökumenisches, d.h. allgemeines Konzil ist doch das höchste Lehramt; wie könnte es da Zweideutigkeiten oder Widersprüche zur bisherigen Lehre geben? Greifen wir deshalb einige Punkte heraus:

Im Ökumenismusdekret Unitatis Redintegratio wird gesagt, der Heilige Geist habe die anderen Bekenntnisse gewürdigt, Mittel des Heils zu sein. Ist es denn möglich, dass eine von der Kirche ge-trennte Gemeinschaft Mittel und Weg des Heils wäre? Natürlich kann man in einer solchen Gemeinschaft einzelne Heilselemente finden; auch sprechen wir nicht über den einzelnen Angehörigen eines solchen Bekenntnisses, sondern über dieses selbst. Als ich eines Tages mit dem inzwischen im Ruhestand lebenden Bischof Krenn aus St. Pölten sprach, wandte er ein, alles sei schließlich ein Weg auf Gott hin. Aber ist es dann auch die Sünde? Ist es zum Beispiel ein Ehebruch oder ein Mord? Dass Gott aus Bösem Gutes entstehen lassen kann, steht dabei auf einem ganz anderen Blatt und ist unbestreitbar. Aber wie die Sünde als Sünde nicht Weg zu Gott sein kann, so kann auch der Irrtum nicht ein Weg zur Wahrheit und zum Heil sein.

In Nostra Aetate wird den nichtchristlichen Religionen - Hinduismus, Buddhismus, Islam und heutigem Judentum - so hohes Lob gezollt, dass man sich fragen muss, warum sich z.B. ein Muslim noch bekehren solle. Dort heißt es wörtlich:

„Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat. Sie mühen sich, auch seinen verborgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich gerne beruft. Jesus, den sie allerdings nicht als Gott anerkennen, verehren sie doch als Propheten, und sie ehren seine jungfräuliche Mutter Maria, die sie bisweilen auch in Frömmigkeit anrufen. Überdies erwarten sie den Tag des Gerichtes, an dem Gott alle Menschen auferweckt und ihnen vergilt. Deshalb legen sie Wert auf sittliche Lebenshaltung und verehren Gott besonders durch Gebet, Almosen und Fasten.“

Wenn ein Muslim nach dem Koran vier Frauen nehmen darf, ist das dann sittliche Lebenshaltung? Entspricht das Selbstmordattentat und damit die Tötung Unschuldiger dem Sittengesetz? In der Dogmatischen Konstitution Lumen Gentium Nr. 16 wird sogar behauptet, wir würden zusammen mit den Muslimen den einen Gott anbeten. Davon kann aber keine Rede sein, da der Islam gerade den Glauben an den dreifaltigen Gott als Mehrgötterei deutet und entschieden an der Einpersönlichkeit Allahs festhält. Wir Christen beten dagegen die Allerheiligste Dreifaltigkeit an; nur sie kann der Gott der Liebe sein, weil Liebe immer ein Schenken und Empfangen zwischen freien Geistwesen darstellt. Ein als einpersönlich gedachter Gott kann nicht der Gott der Liebe, also nicht der wahre Gott sein. Dazu sind wir Christen durch die Taufe und die Gnade Tempel des Heiligen Geistes, wir sind erlöst im Blute des fleischgewordenen Gottes, der für uns am Kreuz gestorben ist. Der Islam kennt keine Gotteskindschaft, keine Teilhabe am göttlichen Leben und keine Erlösung. Allah ist nach seiner Auffassung Weltenschöpfer und Weltenregierer, der Muslim ist sein Knecht, sein Diener, sein Sklave, aber nicht sein Sohn.

Im Artikel 8 der Dogmatischen Konstitution Lumen Gentium wird behauptet, die Kirche Christi subsistiere, d.h. bestehe, sei verwirklicht in der katholischen Kirche. Es wird also logisch unterschieden zwischen der Kirche Christi und der katholischen Kirche. Nach Mediator Dei, der großen Enzyklika von Papst Pius XII. aus dem Jahre 1943, ist die Kirche Christi die katholische Kirche, sie ist der mystische Leib des Herrn.

Die vielleicht am deutlichsten von der bisherigen Lehre abweichende Konzilserklärung ist jene über die Religionsfreiheit. Bisher wurde immer lapidar gesagt: Allein die Wahrheit hat ein Recht, der Irrtum nie. Nunmehr aber wird durch das Konzil dem Irrtum ein Naturrecht eingeräumt.

Die Pastoralkonstitution Gaudium et Spes (Die Kirche in der Welt von heute) offenbart in besonderer Weise im Paragraphen 12 die anthropozentrische Wende des Konzils: „Es ist fast einmütige Auffassung der Gläubigen und der Nichtgläubigen, dass alles auf Erden auf den Menschen als seinen Mittel- und Höhepunkt hinzuordnen ist“, heißt es dort.
Unser Katechismus dagegen lehrt, dass alles auf Erden auf Gott als Ziel und Gipfel hinzuordnen ist. Das ist nicht dasselbe.  

Wie gesagt, der Papst war mit der Absicht, das Konzil im Lichte der Tradition zu interpretieren, ein-verstanden und kam zum dritten Punkt: „Man sagt, Sie seien gegen die neue Messe.“
„In der Tat“, antwortete Erzbischof Lefebvre, „halten wir uns in unseren Häusern an die überlieferte heilige Messe.“
„Ach“, sagte der Papst, „das ist aber nur eine disziplinäre Frage; regeln Sie diese mit Kardinal Šeper“, den er sofort durch das Telefon herbeibat. Als dieser kam und von dem Gesprächsinhalt erfuhr, rief er aus: „O Heiliger Vater, geben Sie diesen Leuten ja nicht die alte Messe, sie machen ein Heerbanner daraus!“
„Bitte besprechen Sie dies unter sich“, sagte der Papst. „Ich habe jetzt noch andere Gespräche.“ Und weg war er.

Es gab dann verschiedene Briefe und auch das eine oder andere persönliche Treffen, insbesondere mit Kardinal Ratzinger. 1984 wurde die überlieferte heilige Messe sogar wieder in gewissen Fällen zugestanden, wenn auch unter völlig unannehmbaren Bedingungen. Aber insgesamt trat man doch auf der Stelle bis zum Jahr 1987.


3. Die Bischofskonsekrationen 1988

Bei den Priesterweihen 1987 kündigte Erzbischof Lefebvre an, er denke an die Konsekration eines Bischofs, denn er könne seine Seminaristen nicht als Waisen zurücklassen, wenn ihn der liebe Gott von dieser Welt abberufe. Kardinal Ratzinger beorderte ihn sofort für den 14. Juli nach Rom zu einem Gespräch. Bei diesem einigte man sich schließlich auf eine kanonische Visitation der Bruderschaft, vorgenommen durch den kanadischen Kurienkardinal Edouard Gagnon und Mgr. Clemens Perl als Sekretär.

Vom 11. November bis zum 8. Dezember visitierten die beiden Prälaten die drei in Europa liegenden Seminare Ecône, Flavigny und Zaitzkofen, besuchten einige Priorate und Schulen, sahen sich mit uns befreundete Kongregationen an, hörten das Zeugnis von versammelten Priestern und Laien. Bei der abschließenden Diskussion am 7. Dezember in Ecône ging es dann vor allem um die Frage von Bischöfen für die Bruderschaft. Kardinal Gagnon war mehr als zurückhaltend, fast unwillig über unser Gesuch. Aber die beiden Visitatoren schrieben dann folgendes wunderbare Wort als Ergebnis ihrer Rundreise am 8. Dezember, dem Fest der Unbefleckten Empfängnis, in das Goldene Buch von Ecône:

„Möge die unbefleckte Jungfrau unsere glühenden Gebete erhören, damit das Werk der Ausbildung, das in diesem Hause auf wunderbare Weise bewirkt wird, seine volle Ausstrahlung für das Leben der Kirche findet.“

Im April und Mai 1988 kam es zu Verhandlungen für eine endgültige Lösung, die in der Folge scheiterten, weil Rom kein Weihedatum für einen Bischof festsetzen wollte und alle von uns vorgestellten Kandidaten verwarf  . So konsekrierte Erzbischof Lefebvre am 30. Juni vier Weihbischöfe ohne Jurisdiktion, die im Dienste der Bruderschaft stehen sollten, um den Priesteramtskandidaten die Weihen und den Kindern die Firmung zu spenden. Rom fuhr mit den größten Geschossen auf, in der Zuversicht, damit dem ganzen Werk ein Ende zu setzen: Die beiden konsekrierenden Bischöfe, Erzbischof Lefebvre und Bischof de Castro Mayer, sowie die vier Weihbischöfe wurden alle namentlich exkommuniziert. Wir haben diese Maßnahme stets als null und nichtig betrachtet, da man nicht exkommuniziert werden kann, weil man der Kirche jene Mittel bewahrt, die zur Heiligung der Seelen absolut notwendig sind. Erzbischof Lefebvre begründete seinen Schritt mit dem Notstand, aber nicht mit dem Notstand der Bruderschaft, sondern mit dem Notstand der Kirche: Sollte diese aus ihrer Erniedrigung erhoben und – in vielen Bereichen zerstört – wieder aufgebaut werden, so konnte dies nur mit dem überlieferten heiligen Messopfer geschehen. Also bedarf es der Priester, die dieses feiern, ausschließlich feiern. Aber es gab 1988 keinen einzigen Bischof, der bereit gewesen wäre, solche Priesterkandidaten zu weihen. Folglich mußte Erzbischof Lefebvre diesem Mangel selbst abhelfen.

Die Rechnung Roms ging nicht auf: Die Gläubigen harrten standhaft in Treue zum Werk der Bruderschaft aus, ebenso die Priester, Seminaristen, Brüder und Schwestern. Ganze 7% der Priester und 7% der Priesteramtskandidaten verließen die Bruderschaft und gründeten die Priesterbruderschaft St. Petrus. Immer wieder bezeichneten deren Mitglieder die Piusbruderschaft als schismatisch oder die Bischofskonsekrationen wenigstens als schismatischen Akt, um ihr eigenes Ausscheren aus dem offenen Widerstand gegen die neue Liturgie und gegen die konziliaren Irrtümer zu rechtfertigen. So ging die Arbeit weiter, das Werk wuchs mit dem Segen des Himmels, die vier Weihbischofe wurden von den Gläubigen voll angenommen und freudig begrüßt.


4. Ringen um eine Lösung

Im Jahre 2000 machte die Bruderschaft mit über 5.000 Gläubigen eine Heilig-Jahr-Wallfahrt nach Rom. Mehrere Prälaten der Römischen Kurie waren erstaunt und erbaut ob der Frömmigkeit, der Disziplin und des guten Geistes, ob all der Jugendlichen und Familien, der jungen Kleriker, Ordensmänner und Ordensfrauen. So lud Kardinal Castrillón Hoyos, der kurz zuvor als Präfekt der Kleruskongregation auch das Amt des Präsidenten der Päpstlichen Kommission Ecclesia Dei übernommen hatte, die vier Weihbischöfe der Bruderschaft zu einer Begegnung ein. Drei von ihnen folgten der Einladung, der vierte, Bischof de Galarreta, war bereits abgereist. Von jetzt ab begannen Gespräche und ein Ringen um eine Lösung.

Anfang 2001 bat die Bruderschaft Kardinal Castrillón Hoyos um zwei vorausgehende Schritte, bevor sie sich auf wirkliche Unterhandlungen einlassen würden: Rom solle anerkennen, dass die überlieferte heilige Messe von jedem Priester ohne Einschränkung zelebriert werden kann, und es solle die so genannten Exkommunikationen zu Grabe tragen. Der Kardinal antwortete darauf, dass zwar die wichtigsten Kardinäle an der Kurie davon überzeugt seien, die alte Messe sei nie verboten gewesen; aber ein Gleiches gelte keineswegs für die Sekretäre und die Untersekretäre. Außerdem gebe es Widerstand bei den Bischofskonferenzen. Was die Exkommunikation betrifft, so würde diese selbstverständlich bei einer kirchenrechtlichen Regelung aufgehoben. Da wir auf diesen „Vorleistungen“ beharrten, gab es zwar immer wieder Treffen, aber keinen wirklichen Fortschritt.


5. Schritte auf eine Lösung hin

Am 2. April 2005 verstarb Papst Johannes Paul II.; am 19. April bestieg Joseph Kardinal Ratzinger als Benedikt XVI. den päpstlichen Stuhl. Man wusste vom neuen Papst, dass er der Unterdrückung des alten Ritus sehr kritisch gegenüberstand; in seinen verschiedenen Publikationen sprach er davon, dass es Ähnliches in der ganzen Kirchengeschichte noch nie gegeben habe: Ein während Jahrhunderten gewachsener Ritus wurde durch einen einzigen Federstrich aus der Welt geschafft und durch eine am grünen Tisch erarbeitete Liturgie ersetzt. Aber auch inhaltlich stand der neue Papst der überlieferten heiligen Messe eher positiv gegenüber. So gab es bald Gerüchte und Spekulationen, insbesondere im Internet: Man sprach von einem Dekret zugunsten der alten Liturgie, von einer generellen Zulassung oder auch mit Einschränkungen, man erwartete einen solchen Schritt für dieses oder jenes Datum.

Am 7. Juli 2007 war es dann so weit: Mit dem Motu Proprio Summorum Pontificum verkündete der Papst, dass die alte Messe in Wirklichkeit nie abgeschafft worden und auch jetzt nicht verboten ist. Hier seine eigenen Worte:

„Das vom hl. Pius V. promulgierte und vom sel. Johannes XXIII. neu herausgegebene Römische Messbuch hat [...] als außerordentliche Ausdrucksform derselben ‚Lex orandi’ der Kirche zu gelten, und aufgrund seines verehrungswürdigen und alten Gebrauchs soll es sich der gebotenen Ehre erfreuen. [...] Demgemäß ist es erlaubt, das Meßopfer nach der vom sel. Johannes XXIII. promulgierten und niemals abgeschafften Editio typica des Römischen Messbuchs als außerordentliche Form der Liturgie der Kirche zu feiern.“ (Motu Proprio Summorum Pontificum, 7.7.2007)

„Was [...] die Verwendung des Messbuches von 1962 als Forma extraordinaria der Messliturgie angeht, so möchte ich darauf aufmerksam machen, dass dieses Missale nie rechtlich abrogiert wurde und insofern im Prinzip immer zugelassen blieb. [...] Was früheren Generationen heilig war, bleibt auch uns heilig und groß; es kann nicht plötzlich rundum verboten oder gar schädlich sein. Es tut uns allen gut, die Reichtümer zu wahren, die im Glauben und Beten der Kirche gewachsen sind, und ihnen ihren rechten Ort zu geben.“ (Begleitbrief von Papst Benedikt XVI. zum Motu Proprio „Summorum Pontificum“ an die Bischöfe)

Aber warum stellte man dann jene an den Pranger, die nach diesem Missale zelebrieren? Warum wurden sie marginalisiert, als ungehorsam, ja sogar als schismatisch bezeichnet? So trat bald auch die Diskussion um eine endgültige Bereinigung der Unstimmigkeiten zwischen der Piusbruderschaft und dem Heiligen Stuhl offen zutage.

Im April 2008 bemerkte Bischof Fellay, Generaloberer der Bruderschaft, im Rundbrief Nr. 72 an die Freunde und Wohltäter, es habe sich einiges auf dem Gebiet der Liturgie zum Besseren gewendet; aber sonst sei von einer wirklichen Erneuerung der Kirche noch reichlich wenig zu spüren. Diese Ausführung und die Bemerkung in einer Predigt, auch Benedikt XVI. sei vom liberalen Geist gekennzeichnet, verärgerten Kardinal Castrillón Hoyos. Er rief Bischof Fellay nach Rom und teilte ihm am 4. Juni mit, wenn die Bruderschaft jetzt nicht die von Rom gesetzten Bedingungen annehme, könne sie nicht mehr als nicht-schismatisch bezeichnet werden. „Aber welches sind diese Bedingungen?“ Der Kardinal konnte sie selber ad hoc nicht formulieren, er übergab sie aber am folgenden Tag schriftlich Abbé Nely, dem zweiten Assistenten der Bruderschaft:

1.     Wir müssten eine proportionale Antwort auf die Großherzigkeit des Papstes hin geben.
Gemeint war wahrscheinlich das Motu Proprio vom 7. Juli 2007. Aber solch eine proportionale Antwort haben wir gegeben! Die Gläubigen haben im Vorfeld zweieinhalb Millionen Rosenkränze gebetet, damit dieses Motu Proprio überhaupt zustande kam; als es veröffentlicht wurde, haben wir dem Heiligen Vater dafür ausdrücklich gedankt, und unsere Patres haben tausend Dankesmessen zelebriert. Darüber hinaus haben wir immer an der heiligen Messe festgehalten, von der der Papst jetzt sagt, dass sie nie abgeschafft worden sei. Ist das keine proportionale Antwort?

2.    Müssten wir die kirchliche Liebe pflegen.
Aber gerade aus dieser Liebe zur Kirche heraus klagen wir die Irrtümer und auch die Irrlehrer an, weil es uns zutiefst schmerzt, wenn wir sehen, wie sie unsere Mutter, die Kirche, entstellen und ruinieren. Vielleicht war die eine oder andere Formulierung zu scharf; aber wer wird es einem Soldaten verdenken, wenn er den Gegner scharf ins Visier nimmt?

3.    Müssten wir Ehrfurcht vor dem Papst an den Tag legen.
Aber auch dies tun wir: Wir beten für den Papst im Kanon einer jeden heiligen Messe und ebenso in den Sakramentsandachten. Wir lieben den Papst und hängen am ewigen Rom. Deshalb schmerzt es uns so tief, wenn der Papst z.B. auf seinem Flug nach Frankreich im September 2008 den Journalisten in vorbereiteten Antworten sagt, der Laizismus sei mit dem Glauben vereinbar oder sogar eine Frucht des Glaubens, während sein Vorgänger Pius XI. diesen in der Enzyklika Quas Primas vom Jahre 1925 als eine Pest, also als eine für den Glauben todbringende Krankheit, bezeichnet hat – um nur ein Beispiel zu nennen.

4.    Dürften wir nicht ein eigenes Lehramt aufstellen und dieses gegen das Lehramt der Kirche aus-spielen.
Aber auch dessen haben wir uns nicht schuldig gemacht. Indes brennen uns Fragen auf den Nägeln, das 2. Vatikanische Konzil und die daraus folgenden Reformen betreffend: Ist Gott oder der Mensch Ziel und Mittelpunkt aller Dinge auf Erden? Ist die Kirche Christi von der katholischen Kirche gedanklich zu unterscheiden? Ist die heilige Messe die unblutige Erneuerung des Kreuzesopfers Jesu Christi oder ist sie „die Versammlung der Gläubigen zur Feier des Gedächtnisses des Herrn unter dem Vorsitz des Priesters“, wie dies der §7 der allgemeinen Einführung des Novus Ordo Missae behauptet? Ohne eine theologische Klärung dieser strittigen Fragen kann es keine wahre innere Erneuerung der Kirche geben.


II: Die Ereignisse von Oktober 2008 bis Oktober 2009

Vom 25. bis 27. Oktober 2008 wallfahrteten an die 20.000 Gläubige der Tradition nach Lourdes, um dort das Christkönigsfest zu feiern: Familien mit ihren Kindern, Jugendliche, aber auch an die 200 Kranke, Seminaristen, Priester, Ordensleute und die vier Weihbischöfe der Bruderschaft. Die ganze Menge sang aus vollem Herzen in der unteren Basilika St. Pius X.: Credo in unam, sanctam, catholicam et apostolicam Ecclesiam – Ich glaube an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche. In seiner Predigt rief Bischof Fellay einen neuen Rosenkranzkreuzzug aus, damit Rom das Exkommunikations-dekret von 1988 zurücknähme. 1,7 Millionen Rosenkränze haben die Gläubigen in diesem Anliegen in der Folge gebetet.

Wenige Tage danach, am 1. November, dem Fest Allerheiligen, gab Bischof Williamson einem schwe-dischen Fernsehteam in Zaitzkofen ein Interview. Dieses Team war angereist, um die Diakonatsweihe des ehemaligen protestantischen Pastors Sandmark zu filmen. Im Interview machte der Bischof auf die Frage der Journalisten hin sehr unglückliche Aussagen zum Holocaust, die keineswegs die Haltung der Bruderschaft widerspiegelten. Die Journalisten bemerkten nebenbei, das Interview werde erst Anfang des nächsten Jahres in einem größeren Rahmen ausgestrahlt. Doch schon bald danach gingen sie zur schwedisch-lutherischen Kirche, von der wir einmal im Monat ein Kirchengebäude in Stockholm für eine heilige Messe gemietet hatten, und zur anglikanischen Kirche in Schweden, von der wir ebenfalls einmal im Monat ein Kirchengebäude in Göteborg gemietet hatten, um dort die überlieferte heilige Messe zu feiern. Sie zeigten den Vertretern dieser Gemeinschaften Ausschnitte aus dem Interview, worauf wir beide Kirchen verloren.

Am 1. Dezember sandte ich den residierenden deutschen Bischöfen die kleine Broschüre „Die Zeitbomben des II. Vatikanischen Konzils“ (siehe Anhang 1). Einer von ihnen hat offensichtlich diese unverzüglich dem Zentralrat der Juden in Deutschland in die Hände gespielt, denn schon wenige Tage danach erschienen erste Angriffe von Herrn Graumann, dem stellvertretenden Vorsitzenden dieses Gremiums, in der Presse. Um diese Zeit hörten wir dann auch von einer Zusammenarbeit des schwedischen Fernsehens mit dem linksliberalen deutschen Magazin „Der Spiegel“, um einen Großangriff gegen die Bruderschaft vorzubereiten.

Am 15. Dezember schrieb Bischof Fellay einen Brief an den Papst und bat – auch im Namen der anderen drei Weihbischöfe – um die Rücknahme des Exkommunikationsdekrets des Jahres 1988. Wenige Tage danach gab es im Vatikan eine Zusammenkunft auf höchster Ebene, um über diese Angelegenheit zu beraten. Von Journalisten hörten wir, dass diese Rücknahme tatsächlich unmittelbar bevorstehe.

Am 15. Januar 2009 telefonierte Kardinal Castrillón Hoyos mit Bischof Fellay und bat ihn, schleunigst nach Rom zu kommen; er habe für ihn eine sehr gute Nachricht. Da unser Generaloberer sowieso ein Treffen mit einigen Personen der Kurie vereinbart hatte, reiste er unverzüglich in die Ewige Stadt. Der Kardinal teilte ihm die Rücknahme des Exkommunikationsdekrets mit. Das Dokument trug das Datum des 21. Januar.

Am Montag, dem 19. Januar, veröffentlichte „Der Spiegel“ einen Artikel mit dem Titel „Problem für den Papst“. Darin geht der Redakteur kurz auf die „Zeitbomben des II. Vatikanischen Konzils“ ein und auf die allgemeine Haltung der Bruderschaft, um dann in aller Ausführlichkeit die Passagen aus dem Fernsehinterview von Bischof Williamson zur Frage des Holocaust zu veröffentlichen. Bezeichnend ist die Überschrift des Artikel: Nicht „Bischof Williamson wird Probleme haben“ oder „Die Bruderschaft wird Probleme haben“, sondern „Der Papst wird Probleme haben“, ihm also galt der Generalangriff; die Äußerungen von Bischof Williamson waren nur der Aufhänger, der willkommene Anlass.

Am Mittwochabend, dem 21. Januar, strahlte das schwedische Fernsehen den Film mit dem Interview aus.
Am Samstag, dem 24. Januar, veröffentlichte der Vatikan die Rücknahme des Exkommunikationsdekretes (siehe Anhang 2). Mit diesem Augenblick lief eine Medienkampagne ungekannten Ausmaßes in Presse, Rundfunk und Fernsehen an. Die Liberalen und traditionellen Kirchenfeinde schossen aus allen Rohren, vordergründig gegen Bischof Williamson, hintergründig gegen die Bruderschaft und noch vielmehr gegen den Papst selbst.
Bischof Fellay veröffentlichte am 27. Januar eine Stellungnahme zu den Äußerungen von Bischof Williamson und distanzierte sich klar und deutlich von diesem (siehe Anhang 3). Als deutscher Distrikts-oberer gab ich am selben Tag ebenfalls eine Erklärung ab (siehe Anhang 4).
Am 28. Januar schrieb Bischof Williamson von Argentinien aus einen Brief an Kardinal Castrillón Hoyos und bat ihn und auch den Papst um Verzeihung für den Schaden, den er angerichtet habe (siehe Anhang 5).
Am 29. Januar schrieben alle vier Bischöfe einen Brief an den Papst, in dem sie ihm für seinen mutigen Schritt dankten (siehe Anhang 6). Man würde sehr wünschen, beim einen oder anderen deutschen Bischof denselben ehrfurchtsvollen Ton dem Obersten Hirten gegenüber zu finden.
Am 26. Februar schrieb Bischof Williamson einen weiteren Brief, in welchem er wiederum um Verzeihung bat (siehe Anhang 8).

Analysiert man die Ereignisse mit dem jetzigen Abstand, so wird man gewahr, wie hier die liberalen und modernistischen Kräfte in der Kirche, einige deutsche Bischöfe, die Medien und der Zentralrat der Juden in Deutschland zusammengearbeitet haben. Aber es gab auch offensichtlich Verbindungsmänner im Vatikan selbst zu diesen Kreisen. Wie hätte sonst das schwedische Fernsehen seine Sendung genau auf den Tag der Unterzeichnung des Dekrets planen können? Die „Frankfurter Allgemeine“ berichtete auch über zwei französische antiklerikale Lesben, die ihrerseits mit dem schwedischen Fernsehteam in Verbindung standen. Herr Friedmann, ehemaliger stellvertretender Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland, bezeichnete den Papst als einen Lügner und Heuchler. Kein deutscher Bischof hat dagegen protestiert und einen Widerruf eingefordert. Frau Knobloch, Vorsitzende desselben Gremiums, zählte alle „Sünden“ des Papstes auf:
- Seine Rede in Regensburg 2006, die bei den Moslems auf Widerspruch stieß. Aber warum ist diese für die Juden ein Ärgernis, die sich doch gar nicht so gut mit den Moslems verstehen?
- Die Wiederzulassung der überlieferten Liturgie;
- Die Neuformulierung der Karfreitagsfürbitte;
- Schließlich jetzt eine gewisse Rehabilitierung der Priesterbruderschaft St. Pius X.!

Wenige Wochen danach sagte sie, die neue Formulierung der Karfreitagsfürbitte durch Benedikt XVI., in der weiter für die Bekehrung der Juden gebetet wird, sei weit schlimmer als die Leugnung des Holocaustes durch Bischof Williamson. Spätestens hier wird deutlich, dass die „Affäre Williamson“ nur der willkommene Anlass zum Großangriff gegen die Kirche war.

Am Fest der Erscheinung Unserer Lieben Frau in Lourdes, am 11. Februar, fanden drei Seminaristen aus Ecône in den Schweizer Bergen in einem Schneebrett den Tod. Vielleicht muß man hier eine Verbindung sehen zu der Lourdeswallfahrt des vorausgehenden Oktobers und dem dortigen Aufruf zu einem Rosenkranzkreuzzug. Die Krise der Kirche kann wohl nur durch viel Gebet und Opfer gelöst werden; der Weg des Kreuzes wird uns dabei kaum erspart bleiben.

Wenige Tage danach kam es zu einer Fernsehdiskussion bei Kerner in Hamburg zwischen Weihbischof Jaschke, Pater Gaudron und einem säkularen Juden, Herrn Broder. Diese führte zu einer sachlicheren Auseinandersetzung und half mit zum langsamen Abschwellen der Leidenschaften.

Am 5. März veröffentlichen die deutschen Bischöfe im Anschluss an ihre Frühjahrshauptversammlung in Hamburg ein Kommuniqué, in dem sie der Bruderschaft antisemitische Strömungen unterstellten, sie als außerhalb der Kirche stehend bezeichneten, sie zur Annahme des ganzen II. Vatikanischen Konzils aufforderten und ihr insbesondere jede Weihetätigkeit untersagten (siehe Anhang 9).
Aber meine Herren Bischöfe: Wenn die Bruderschaft außerhalb der Kirche steht, warum soll für sie dann das Kirchenrecht Geltung haben? Oder soll durch diese Aufforderung, sich an den Buchstaben des Kirchenrechtes zu halten, implizit zum Ausdruck gebracht werden, dass die Bruderschaft eben doch innerhalb der Kirche steht, wie es ja auch tatsächlich der Fall ist?

Am 10. März veröffentlichte der Papst einen „Brief an die Bischöfe der katholischen Kirche in Sachen Aufhebung der Exkommunikation der vier von Erzbischof Lefebvre geweihten Bischöfe“ (siehe Anhang 11). Er fragt in diesem, ob dem Episkopat eine Gemeinschaft ganz gleichgültig sein könne, in der es 491 Priester, 215 Seminaristen, 6 Seminare, 88 Schulen, 2 Universitätsinstitute, 117 Brüder und 164 Schwestern gäbe. Auf der anderen Seite verheimlicht er nicht die katastrophale Lage der Kirche:

„In unserer Zeit, in der der Glaube in weiten Teilen der Welt zu verlöschen droht wie eine Flamme, die keine Nahrung mehr findet, ist die allererste Priorität, Gott gegenwärtig zu machen in dieser Welt und den Menschen den Zugang zu Gott zu öffnen. Nicht zu irgendeinem Gott, sondern zu dem Gott, der am Sinai gesprochen hat; zu dem Gott, dessen Gesicht wir in der Liebe bis zum Ende (Joh 13,1) – im gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus erkennen. Das eigentliche Problem unserer Geschichtsstunde ist es, dass Gott aus dem Horizont der Menschen verschwindet und dass mit dem Erlöschen des von Gott kommenden Lichts Orientierungslosigkeit in die Menschheit hereinbricht, deren zerstörerische Wirkungen wir immer mehr zu sehen bekommen.“

Der Brief kündigt dann theologische Gespräche zwischen der Bruderschaft und dem Heiligen Stuhl an, ein Anliegen, das wir seit vielen Jahren immer wieder selber vorgebracht haben. Es geht eben um Fragen der Lehre und des Glaubens, und wenn wir immer wieder auf der Feier der überlieferten heiligen Messe bestanden haben, dann weil sie gebetetes katholisches Dogma und Höhepunkt des ganzen Lebens der Kirche ist.

Ende März sollten im Priesterseminar Herz-Jesu von Zaitzkofen Subdiakonatsweihen stattfinden. Die deutschen Bischöfe begannen, sich dagegen zu ereifern, insbesondere Bischof Müller aus Regensburg. Um dem Papst entgegenzukommen und um dem Vorwurf der Provokation zu begegnen, verlegte man diese Weihen nach Ecône. Eine größere Auseinandersetzung gab es dann noch einmal mit den Priesterweihen am 27. Juni in Zaitzkofen. Der Regensburger Oberhirte, der den Regens des Seminars und mich selbst noch am 13. Mai zu einem ausführlichen Gespräch in guter Atmosphäre empfangen hatte, dachte allen Ernstes daran, den weihenden Bischof und die drei Neupriester zu exkommunizieren! Zwei Wochen später sprach er davon, dass die theologischen Gespräche in Rom nichts anderes als „Nachhilfeunterricht“ für die Priesterbruderschaft sein könnten.

Anfang Juli bildete der Heilige Vater die Kommission Ecclesia Dei um und machte sie zu einer Unter-abteilung der Glaubenskongregation mit einem Sekretär an der Spitze, Mgr. Pozzo.

Am 26. Oktober fand das erste theologische Gespräch zwischen den Vertretern der Bruderschaft und den Vertretern des Heiligen Stuhles in Rom statt, wobei man sich darauf einigte, diese Gespräche in einem Rhythmus von zwei Monaten zu führen und in den jeweiligen Zwischenzeiten die Argumente schriftlich auszutauschen. Von Seiten des Heiligen Stuhles sind unsere Gesprächspartner Mgr. Ocáriz, zweiter Mann im Opus Dei, P. Becker, ein deutscher Jesuit, und P. Morerod, ein Schweizer Dominikaner, der in Rom am Angelicum lehrt. Von Seiten der Bruderschaft leitet Mgr. de Galarreta die Delegation; ihr gehören Abbé de Jorna, Regens in Ecône, Abbé Gleize, Professor in Ecône, Abbé de La Rocque, Prior in Nantes, und der Generalsekretär der Bruderschaft, Abbé Thouvenot, an. Wie lange diese Gespräche dauern werden, vermag im Augenblick wohl niemand zu sagen; indes fand die erste Begegnung in einer ausgesprochen guten und fruchtbaren Atmosphäre statt. Es ist wohl überflüssig, auf die Notwendigkeit des eifrigen Betens für den glücklichen Ausgang ausdrücklich hinzuweisen.


III: Ein Blick auf die Kirche

Die heilige Kirche, der mystische Leib des Herrn, blutet heute aus tausend Wunden, aus größeren und kleineren. Wir wollen an dieser Stelle vor allem auf fünf große Wunden hinweisen:


1. Der zunehmende Relativismus

Wenige Tage vor seiner Wahl zum Obersten Hirten der Kirche sprach Kardinal Ratzinger von der „Diktatur des Relativismus“. In der Tat stößt die Absolutheit, Einmaligkeit und Einzigartigkeit der katholischen Kirche als der mystischen Braut des fleischgewordenen Gottes überall auf Widerspruch. Karl Rahner hat mit seinen „anonymen Christen“ und seinem „anonymen Christentum“ wesentlich zu den Grundlagen dieses Relativismus beigetragen. Von fast jedem unserer Zeitgenossen wird jede Religion als Heilweg angesehen, selbst der Durchschnittskatholik erkennt in seiner Kirche nicht mehr die einmalige Stiftung Gottes. Eine solche Einstellung hebt das Christentum aus den Angeln, von dem Paulus sagt, dass da sei ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen (vgl. Eph 4,6). Die relativistische Einstellung hat auch schwerwiegende Konsequenzen im christlichen Lebensvollzug. Das ehemals gläubige Volk und noch mehr der Klerus haben sich nicht nur der Welt gleichförmig gemacht; eine Säkularreligion breitet sich überall in der Kirche und in der Gesellschaft aus. Papst Johannes Paul II. hat in seinem Nachsynodalen Schreiben Ecclesia in Europa vom 28. Juni 2003 die Lage in erschütternder Deutlichkeit beschrieben:

„Die Zeit, in der wir leben, vermittelt mit den ihr eigenen Herausforderungen in der Tat den Anschein des Verlorenseins. Viele Männer und Frauen scheinen desorientiert, unsicher und ohne Hoffnung zu sein, und nicht wenige Christen teilen diesen Gemütszustand. [...] Unter den vielen, auch anläßlich der Synode ausführlich erwähnten Aspekten möchte ich den Verlust des christlichen Gedächtnisses und Erbes anführen, der begleitet ist von einer Art praktischem Agnostizismus und religiöser Gleichgültigkeit, weshalb viele Europäer den Eindruck erwecken, als lebten sie ohne geistigen Hintergrund und wie Erben, welche die ihnen von der Geschichte übergebene Erbschaft verschleudert haben. Daher ist es nicht allzu verwunderlich, wenn versucht wird, Europa ein Gesicht zu geben, indem man unter Ausschluss seines religiösen Erbes und besonders seiner tief christlichen Seele das Fundament legt für die Rechte der Völker, die Europa bilden, ohne sie auf den Stamm aufzupfropfen, der vom Lebenssaft des Christentums durchströmt wird. [...]
Mit diesem Verlust des christlichen Gedächtnisses geht eine Art Zukunftsangst einher. Das gemeinhin verbreitete Bild von der Zukunft stellt sich oft als blass und ungewiss heraus. Man hat eher Angst vor der Zukunft, als dass man sie herbeiwünschte. Besorgniserregende Anzeichen dafür sind unter anderem die innere Leere, die viele Menschen peinigt, und der Verlust des Lebenssinnes. Zu den Zeichen und Auswirkungen dieser Existenzangst sind insbesondere der dramatische Geburtenrückgang und die Abnahme der Priester- und Ordensberufe zu zählen sowie die Schwierigkeit, wenn nicht sogar die Weigerung, endgültige Lebensentscheidungen auch bezüglich der Ehe zu treffen.
Wir erleben eine verbreitete Zersplitterung des Daseins; es überwiegt ein Gefühl der Vereinsamung; Spaltungen und Gegensätze nehmen zu. Unter anderen Symptomen dieses Zustandes erfährt das heutige Europa das ernste Phänomen einer Krise der Familie und des Schwindens einer Konzeption von Familie überhaupt. [...]
Im Zusammenhang mit der Ausbreitung des Individualismus ist eine zunehmende Schwächung der Solidarität zwischen den Menschen festzustellen: Während die Hilfseinrichtungen lobenswerte Arbeit leisten, beobachtet man ein Abnehmen des Solidaritätsgefühls, so dass sich viele Menschen, auch wenn es ihnen nicht am materiell Notwendigen fehlt, immer einsamer und sich selbst überlassen fühlen, ohne das Netz einer gefühlsmäßigen Unterstützung.
Der Verlust der Hoffnung hat seinen Grund in dem Versuch, eine Anthropologie ohne Gott und ohne Christus durchzusetzen. Diese Denkart hat dazu geführt, den Menschen als absoluten Mittelpunkt allen Seins zu betrachten, indem man ihn fälschlicherweise den Platz Gottes einnehmen ließ und dabei vergaß, dass nicht der Mensch Gott erschafft, sondern Gott den Menschen erschafft.
Das Vergessen Gottes hat zum Niedergang des Menschen geführt. [...] Es wundert daher nicht, dass in diesem Kontext ein großer Freiraum für die Entwicklung des Nihilismus im philosophischen Bereich, des Relativismus im erkenntnistheoretischen und moralischen Bereich, des Pragmatismus und sogar des zynischen Hedonismus in der Gestaltung des Alltagslebens entstanden ist. Die europäische Kultur erweckt den Eindruck einer ‚schweigenden Apostasie’ seitens des satten Menschen, der lebt, als ob es Gott nicht gäbe.“ (Ecclesia in Europa, Nr. 6-9)


2. Verlust des Glaubenswissens

Das Glaubenswissen leidet an Schwindsucht, insbesondere bei den Kindern und Jugendlichen. Die Familien sind nicht mehr imstande, ihrem Nachwuchs das elementare Katechismuswissen zu vermitteln; im Religionsunterricht wird meist nur noch über nichtchristliche Religionen, Solidarität unter den Menschen, den Frieden in der Welt und den Umweltschutz gesprochen. Das heilige Messopfer, die sieben Sakramente, noch mehr die Gottheit Christi und seine Auferstehung als physisch-historische Tatsache, die Dogmen über die Allerseligste Jungfrau Maria, die Kirche als göttliche Stiftung mit dem Papst an der Spitze sind den Kindern völlig unbekannt. Vor einiger Zeit brachte eine Spanierin – also katholischer Hintergrund – ihr elfjähriges Kind zu uns ins Priorat St. Athanasius, damit es auf die Erstkommunion vorbereitet werde. Der Junge wusste weder ein Kreuzzeichen zu machen, noch kannte er ein Gebet; noch nie hatte er von Gott reden hören. In einer Schulklasse mit 36 Kindern in der Provinz Limburg in Holland, die früher ganz katholisch war, konnte ein einziges Kind das Kreuzzeichen machen.

Wen wundert es da, wenn man zwar noch alte Leute am Sonntag in der Kirche findet, und hier und dort die eine oder andere Familie, aber die Jugend vollkommen ausfällt. Vor kurzem las ich einen Artikel, in dem berichtet wird, dass in Deutschland unter den Jugendlichen noch zwischen 0,1 und 1 % sonntäglich zum Gottesdienst gehen. Aber auch bei den Erwachsenen geht die Zahl der Gottesdienstbesucher ständig zurück. Während man 1950 in Deutschland an einem konkreten Sonntag 13 Millionen Gottesdienstbesucher zählte, sind es heute noch rund 2 Millionen, also eine Abnahme um 85%. Bisweilen sprechen die Bischöfe von höheren Prozentzahlen der religiösen Praxis. Doch der Schein trügt. Früher verstand man unter einem praktizierenden Katholiken jemanden, der jeden Sonntag zur heiligen Messe ging, von Zeit zu Zeit zur Beichte und wenigstens zu Ostern zur heiligen Kommunion. Heute bezeichnen die Neuerer jemanden als praktizierend, der alle 14 Tage oder einmal im Monat oder auch nur von Zeit zu Zeit der Eucharistiefeier beiwohnt. Auch bekennen bei weitem nicht alle praktizierenden Katholiken den vollen katholischen Glauben. Das Dogma der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, die Gottheit Christi, seine leibliche Auferstehung, die Unfehlbarkeit des Papstes, die immerwährende Jungfräulichkeit Mariens sind längst nicht mehr Allgemeingut des Glaubens, ganz zu schweigen von den Sittendogmen, welche Abtreibung, empfängnisverhütende Mittel, vorehelichen Verkehr, Ehescheidung und Homosexualität verwerfen (vgl. Anhang 13).

Führen wir noch vergleichend die Zahlen für Deutschland in einem weiteren Umfeld an:

1970 zählte man 31,425 Millionen Katholiken, 1998 waren es noch 28,202; heute sind es noch rund 25 Millionen.
1970 gab es in Deutschland 26.089 Priester, 1998 noch 20.072, heute sind es noch ca. 16.000.
1970 gab es in Deutschland 82.166 Ordensschwestern, 1998 noch 41.257.
1970 waren es 4.363 Ordensbrüder, 1998 noch 1.849.
1970 gab es 2.630 Seminaristen, 1998 noch 1.140, heute sind es noch rund 800.
1970 gab es 381.226 Taufen, 1998 noch 240.853.
1970 gab es 165.924 katholische Eheschließungen, 1998 noch 81.416.
1970 gab es 320 Priesterweihen, 1998 waren es noch 170, 2008 waren es noch 93.


3. Die Beichtpraxis

Schon vor Jahren bezeichnete Professor May die Beichte als das „verlorene Sakrament“. Vor einiger Zeit setzte der neu angekommene Pfarrer in einer 3000-Katholiken-Gemeinde in ländlichen Verhältnissen eine Beichte an und rief einen auswärtigen Beichtvater herbei. Eine einzige Frau fand sich zur Beichte ein. Eine andere meinte, sie wisse nicht, was sie zu beichten habe, sie müsste direkt Sünden erfinden. Man sieht daran, wie das Sündenbewusstsein im Volk geschwunden ist; wenn aber das Sündenbewusstsein, dann auch das Bewusstsein um die Erlösungsbedürftigkeit, folglich der Geist des Gebetes, des Opfers und des Kampfes gegen die Sünde, das Ringen um Tugend und Heil.


4. Eucharistische Frömmigkeit

Die eucharistische Frömmigkeit ist auf einem Tiefstpunkt angekommen. Der eucharistische Opfersegen wird so gut wie nirgends mehr auf das gläubige Volk herabgerufen, die Sakramentsprozessionen fallen entweder aus oder werden minimalisiert. Der Tabernakel steht nicht mehr im Zentrum unserer Kirchen, sondern hinter einer Säule oder in einer Ecke. Fast niemand kommt während des Tages zur Anbetung. Die unselige Handkommunion hat zur Zerstörung des Glaubens an die Realpräsenz und der eucharistischen Frömmigkeit geführt. Hostiensplitter fallen auf den Boden oder bleiben in den Händen, konsekrierte Hostien wandern in die Hosentasche, eine in einer Papstmesse von Johannes Paul II. konsekrierte Hostie wurde im Internet nach dessen Tod versteigert. In einer Pfarrei in der Nähe von Frankfurt sah sich der neu eingesetzte Pfarrer genötigt, die Bänke abzumontieren, um die dort an der Unterseite angeklebten Hostien zu entfernen.


5. Ordensleben

Das Ordensleben ist im Zusammenbruch begriffen. In dem kleinen Heft „Index of Leading Catholic Indicators“, herausgegeben von einem jungen amerikanischen Katholiken, werden Zahlen der amerikanischen Bischofskonferenz angeführt.

Danach gab es 1965 in den USA im Jesuitenorden 3.559 junge Menschen in der Ausbildung, im Jahr 2000 noch 389, eine Abnahme um 89%. Bei den anderen Orden sieht es in etwa gleich oder noch schlimmer aus:
          
        

In der Ausbildung Stehende bei den:19652000Abnahme
Jesuiten3.559
38989%
Franziskanern2.2516097%
Christlichen Schulbrüdern           
912799%
Benediktinern          
1.541109
93%
Redemptoristen          
1.128
2498%
Dominikanern          
34338
Missionsorden Maryknoll          
9191598%
Oblaten des Unbefleckten Herzens Mariens          
9141399%
Lazaristen           
7001897%
 Konventualen des Franziskanerordens           
5114990%
 Passionisten           
574599%
 Patres vom Heiligen Kreuz           
434132nur (!) 70%
 Augustinern           
483
1497%
 Kapuzinern           
4403991%
 Patres vom Kostbaren Blut           
5212795%
 Patres von La Salette           
5521100%
 Karmeliten           
5454692%
 Väter vom Heiligen Geist          
159
 9


Wenn wir diese Tatsachen anführen, hält man uns bisweilen entgegen, wir würden den guten Willen bei der Jugend verkennen; schließlich gebe es ja den Weltjugendtag, in Afrika und Asien sei die Kirche im Wachsen begriffen. Zum Glück sind dort die Zahlen nicht so dramatisch; aber es fehlt an der Formung der dortigen Gläubigen und auch des Klerus. Dadurch kommt es oft zu einem moralischen Zusammenbruch. Vor kurzem mussten ein Erzbischof und ein Bischof jeweils aus ihren Diözesen in Zentralafrika entfernt werden, weil ihr ganzer Klerus im Konkubinat lebt und sie selber in dieser Hinsicht wahrscheinlich auch nicht vorbildlich waren. Insofern ist die Ausrufung eines Jahres des Priesters durch Papst Benedikt XVI. ein großes Geschenk für die Kirche; denn ihre Erneuerung kommt aus der Erneuerung des Priesters. Genau dafür hat die göttliche Vorsehung einen Erzbischof Lefebvre mit prophetischer Gabe und außerordentlicher Tatkraft erweckt.


IV: Unsere Aufgabe


1. Stark bleiben in den Versuchungen

An erster Stelle gilt es inmitten einer neuheidnischen Welt voller Feindschaft dem Evangelium Jesu Christi gegenüber, mit großer Seelenstärke allen Versuchungen und Verführungen im Glauben zu widerstehen. Noch wird von uns nicht das Zeugnis des Blutes gefordert; aber die heutige Zeit hat doch etwas von einem geistigen Martyrium für den aufrechten Christen an sich. Nur wer nach der Tugend strebt und die uns für diese schwere Zeit von Gott angebotenen Mittel ergreift, wird sie ohne Schaden überstehen. Schließlich hat uns ja der Herr wie Schafe mitten unter Wölfe gesandt (vgl. Mt 10,16). Indessen sind wir nicht ohne Trost inmitten dieser Prüfungen. Der Erwerb der herrlichen Kirche in Bleijerheide bei Aachen, die Rückkehr des Trappistenklosters Mariawald in der Eifel zur ungebrochenen liturgischen und monastischen Tradition, die jährliche Nationalwallfahrt nach Fulda, der Besuch der Pilgermadonna bei ihren Kindern in Deutschland sind eine übergroße Freude und Ermutigung.


2. Pflege des beharrlichen Gebets

Das Charakteristikum der Urgemeinde war das Gebet, das beharrliche, immerwährende Gebet. So muss es auch heute sein. Als nach dem Zweiten Weltkrieg Österreich – genauso wie Deutschland – in Besatzungszonen aufgeteilt war, rief der Franziskanerpater Petrus Pawlitschek in Wien einen Rosenkranzsühnekreuzzug zur Befreiung Österreichs aus. Mehr als 700.000 Katholiken schrieben sich in diesen ein mit der Verpflichtung, jeden Tag wenigstens ein Gesätz des Rosenkranzes in dieser Meinung zu beten. 1955 ereignete sich das Wunder: Die Sowjets zogen ohne jede Gegenleistung ab, Österreich erlangte mit dem Staatsvertrag die Freiheit wieder.

Wir haben selbst die wunderbaren Wirkungen des Gebetes gesehen beim Ringen um die Freiheit der überlieferten heiligen Messe und die Beseitigung der schändlichen Exkommunikationen. Wenn wir wollen, dass Deutschland wieder katholisch wird, dass es zu seinen christlichen Wurzeln zurückfindet, dann müssen viele Menschen in diesem Land den Rosenkranz in die Hand nehmen, die Hände falten und das Knie beugen. Anders wird es nicht gehen.

Unser verehrter Generaloberer, Bischof Fellay, hat zu einem dritten Rosenkranzkreuzzug aufgerufen, um vom Himmel die große Gnade zu erlangen, dass der Heilige Vater Rußland dem Unbefleckten Herzen Mariens weiht, wie die Muttergottes dies in Fatima und Tuy eingefordert hat. Ein solcher Akt würde ohne jeden Zweifel den Lauf der Weltgeschichte ändern.


3. Weiterbildung im Glauben

Lesen Sie und bilden Sie sich weiter, vor allem auf religiösem Gebiet! Lesen Sie nicht gute Bücher, sondern lesen Sie nur die besten, z.B. „Sie haben ihn entthront“ von Erzbischof Lefebvre oder seinen „Brief an die ratlosen Katholiken“ oder auch seine Predigten und Vorträge. Nehmen Sie von Zeit zu Zeit Ihren alten Katechismus zur Hand, Sie werden dort immer wieder Neues erfahren, das Ihnen bisher völlig unbekannt war.


4. Geistliche Erneuerung – Exerzitien

Wie bei einer Maschine oder einem Auto, so gibt es auch im geistlichen Leben Abnutzungserscheinungen. Wie man das Auto oder die Maschine von Zeit zu Zeit in den Kundendienst bringt, um Staub und Rost zu entfernen, abgenützte Teile zu ersetzen und das Getriebe zu ölen, so muss es im geistlichen Leben sein. Es gibt seit vier Jahren eine Seelen-Werkstatt im Schwarzwald bei Lauterbach, Porta Caeli, Himmelspforte, genannt. Bringen Sie in diese von Zeit zu Zeit Ihre Seele zum Kundendienst. Wir alle brauchen die geistlichen Übungen, diese Tage der Ruhe, der Einkehr, Betrachtung und der inneren Erneuerung.


5. Katholische Schulen

Denken wir auch an die Notwendigkeit von katholischen Schulen für unsere Kinder. Mögen die Eltern sich mit anderen Eltern zusammenschließen, um solche mit uns zu gründen und zu unterhalten. Wer die Jugend hat, der hat die Zukunft.


V: Abschließende Erwägungen

Die Auseinandersetzung zwischen katholischem Dogma und Häresie, zwischen den Verfechtern einer Erneuerung der Kirche im Heiligen Geist und den Verfechtern einer neuen Kirche, zwischen einer Kultur des Lebens und einer Unkultur des Todes, letzten Endes zwischen Licht und Finsternis, hat in den ersten Monaten des Jahres 2009 einen offenbaren Höhepunkt erreicht. Wer schon einmal die Übungen nach dem heiligen Ignatius von Loyola und in diesen besonders die Betrachtung über die beiden Heerbanner gemacht hat, wird sich darüber nicht wundern. Gott selbst hat diesen Kampf unmittelbar nach dem Sündenfall unserer Stammeltern angekündigt: „Feindschaft will ich setzen zwischen dir und dem Weibe, zwischen deiner Nachkommenschaft und ihrer Nachkommenschaft.“ (Gen 3,15) Die Feinde der Kirche von alters her täuschen sich nicht, wenn sie gegen die Priesterbruderschaft St. Pius X. Sturm laufen.

Weiter ist bemerkenswert: Die Riege der liberalen und modernistischen Kräfte in der Kirche nimmt die Leugnung eines jeden Dogmas, nimmt eine jede Häresie hin einschließlich der Bestreitung des Sühnetodes Jesu Christi. Alle Häretiker sind für Kardinal Lehmann und Erzbischof Zollitsch innerhalb der Kirche, falls sie das II. Vatikanische Konzil annehmen, natürlich so, wie die Modernisten es verstehen. Wer aber an diesem den leisesten Zweifel hegt, steht außerhalb der Kirche, auch wenn er das ganze katholische Dogma freudig bejaht. Ein Blinder sieht daraus, dass die Annahme des II. Vatikanums keine Frage des Glaubens ist, sondern eine Ideologie. Ihr gilt es standhaft zu widerstehen.

Gott hat in seiner weisen Vorsehung unser Werk verhältnismäßig unbehelligt heranwachsen lassen; jetzt scheint es ihm stark genug zu sein, um sich als Fels in der Brandung zu bewähren.

Was deshalb in der heutigen Zeit am meisten nottut, sind katholische Köpfe und brennende Herzen, d.h. Männer und Frauen mit den klaren katholischen Prinzipien, mit einem erleuchteten Glauben, in glühender Liebe der Sache Jesu Christi und seiner Kirche hingegeben. Papst Gregor VII., der sich im Kampf gegen die Laieninvestitur und für die Erneuerung der Kirche verzehrt hatte, starb am 25. Mai 1085 in Salerno unbeachtet und von allen Freunden verlassen. Mag auch das letzte Wort, das man diesem Dulder in den Mund legt, historisch nicht erwiesen sein, es spiegelt doch die Seelengröße dieses Mannes wider: „Ich habe die Gerechtigkeit geliebt und das Unrecht gehasst, deshalb sterbe ich in der Verbannung.“ Gregor VII. sah nicht die Früchte seines Wirkens und seiner Leiden; aber nach seinem Tode sind sie aufgeblüht und herrlich gereift.

Mit dem inzwischen verstorbenen Kardinal Gagnon und Mgr. Perl flehen wir zur Unbefleckten Jungfrau, sie möge unsere glühenden Gebete erhören, damit das Werk der Ausbildung von guten Priestern, zu dem Gott in seiner Güte die Priesterbruderschaft St. Pius X. erwählt hat, seine volle Ausstrahlung für das Leben der Kirche findet.

 
 
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